Das Badezimmer war bereits voller Dampf, als Jean, 72, den Handtuchhalter ansah und seufzte.
„Schon wieder?“, murmelte sie und trat einen Schritt zurück von der Dusche, die sie gerade aufgedreht hatte. Ihre Knie schmerzten, die Haut brannte noch leicht von der gestrigen Wäsche, und die Winterluft im Flur fühlte sich trocken an wie Zwieback.
Jean war ihr Leben lang eine Frau gewesen, die jeden Tag duschte. Aufgewachsen in einer Zeit, in der Sauberkeit nicht nur mit Gesundheit, sondern mit Anstand gleichgesetzt wurde.
Doch kürzlich hatte ihre Hautärztin etwas gesagt, das sie verunsicherte:
„Sie waschen gerade das weg, was Ihre Haut eigentlich schützt.“
Jean verließ die Praxis mit der leisen Frage, ob sie ihre Körperpflege seit Jahren falsch handhabte.
Denn sauber heißt nicht immer das, was wir gelernt haben.
Nach 65 gelten andere Regeln für die Haut
Der Körper mit 70 ist keine Version des Körpers mit 40 – nur mit mehr Falten. Er funktioniert anders. Die Haut wird dünner, trockener, empfindlicher. Die natürliche Fettproduktion nimmt ab, die Kollagenbildung verlangsamt sich, die Durchblutung lässt nach. Eine heiße Dusche, die mit 50 belebend war, kann mit 70 plötzlich reizen wie Sandpapier.
Tägliches heißes Duschen, stark parfümierte Seifen, kräftiges Schrubben – all das, was früher als gründliche Hygiene galt, kann im Alter die natürliche Schutzbarriere der Haut zerstören. Routinen, die Jahrzehnte lang selbstverständlich waren, werden unbemerkt zur Belastung.
Niemand informiert einen offiziell darüber, wann dieser Kipppunkt erreicht ist.
Maurice, 79, ehemaliger Soldat, war stolz auf seine Disziplin. Jeden Morgen um 6:30 Uhr duschte er – heiß, gründlich, mit Seife von Kopf bis Fuß. Er roch den ganzen Tag nach klassischer Seife und Aftershave.
Dann kam der Juckreiz an den Schienbeinen. Rote Stellen an den Ellenbogen. Ein hartnäckiger Ausschlag am Rücken. Zuerst verdächtigte er das Waschmittel. Oder die Heizungsluft. Erst als der Arzt fragte:
„Wie oft duschen Sie?“
und Maurice antwortete: „Natürlich jeden Tag“,
wurde die Ursache klar.
Maurice wechselte nicht das Produkt. Er wechselte die Häufigkeit. Nach drei Wochen beruhigte sich seine Haut.
Warum tägliches Duschen im Alter oft schadet
Die Hautoberfläche ist kein toter Belag, den man beliebig abwaschen kann. Sie ist ein lebendiges Schutzsystem aus Fetten, Mikroorganismen und Feuchtigkeit. Mit zunehmendem Alter produziert der Körper weniger Talg. Wird diese Schicht zu oft entfernt, entstehen winzige Risse, Spannungsgefühle, Entzündungen – und ein höheres Infektionsrisiko.
Der Körper über 65 braucht einen anderen Rhythmus: sanfter, langsamer, gezielter.
Die alte Regel „einmal täglich, jeden Tag“ ist kein universeller Standard mehr – sondern eine Option unter vielen.
Wie oft sollte man nach 65 wirklich duschen?
Dermatologen, die mit älteren Menschen arbeiten, nennen meist dieselbe Empfehlung:
Für die meisten Menschen über 65 sind zwei bis drei Ganzkörperduschen pro Woche ideal.
Nicht täglich. Aber auch nicht selten.
An den anderen Tagen wird die Hygiene nicht aufgegeben – sie wird gezielt. Achseln, Intimbereich, Hautfalten, Füße: Diese Zonen lassen sich mit einem Waschlappen, lauwarmem Wasser und einem milden Reinigungsprodukt versorgen. Man könnte es „Punktpflege“ nennen statt Hochdruckreinigung.
Dieser Rhythmus schont die Haut, spart Kraft und hält dennoch frisch.
Die größte Sorge ist oft: „Rieche ich dann?“
Diese Angst hat weniger mit Eitelkeit zu tun als mit Würde.
Elena, 68, pflegt ihre 90-jährige Mutter Rosa. Rosa fürchtet Duschen inzwischen: Angst vor dem Ausrutschen, kalte Fliesen, der plötzliche Wasserstrahl. Duschen waren zum Kraftakt geworden – für beide.
Elena stellte um: zwei feste Duschtage pro Woche, immer zur gleichen Uhrzeit, mit warmem Handtuch, Duschhocker und Ruhe. An den anderen Tagen wäscht sie Gesicht, Achseln, Brustfalten, Intimbereich und Füße mit einem weichen Tuch und einem milden, abwaschfreien Reiniger.
Niemand klagt über Gerüche. Rosa ist entspannter. Die täglichen Diskussionen sind verschwunden.
Der Grund ist einfach: Körpergeruch entsteht hauptsächlich an wenigen Stellen, wo Schweiß und Bakterien zusammentreffen. Diese Bereiche brauchen tägliche Aufmerksamkeit. Arme, Beine, Rücken hingegen benötigen im Alter kein tägliches Vollprogramm mehr.
Das ist keine Nachlässigkeit.
Das ist Anpassung.
Klüger duschen statt härter
Nicht nur die Häufigkeit zählt – auch das Wie.
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Wassertemperatur senken: lauwarm statt heiß
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Dauer verkürzen: 5–10 Minuten reichen völlig
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Milde, unparfümierte Reiniger verwenden
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Nicht schrubben: Hände oder sehr weiches Tuch genügen
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Abtupfen statt Rubbeln beim Abtrocknen
Ein häufiger Fehler: seltener duschen, dafür kräftiger schrubben. Genau das schadet der alternden Haut.
Auch das Eincremen wird oft unterschätzt. Viele empfinden Cremes als klebrig oder unnötig. Dabei wirkt eine einfache, unparfümierte Pflege direkt nach dem Duschen wie ein Reparaturdienst für die Hautbarriere.
Wasser plus Creme kann den ganzen Tag spürbar verändern.
Hilfsmittel wie langstielige Schwämme, Pumpflaschen oder gut erreichbare Ablagen erleichtern die Pflege zusätzlich.
Manche Pflegekräfte formulieren es so:
„Sauberkeit bedeutet nicht, jeden Zentimeter täglich zu schrubben. Sondern die richtigen Bereiche frisch zu halten und den Menschen in seiner Würde zu schützen.“
Eine einfache Orientierung für den Alltag
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2–3 Ganzkörperduschen pro Woche, lauwarm
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Tägliche Teilwäsche von Achseln, Intimbereich, Hautfalten, Füßen
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Milde, unparfümierte Produkte
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Sanftes Abtrocknen und Eincremen
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Sicherheit: rutschfeste Matten, Haltegriffe, Duschhocker
Das ist kein Rückschritt in der Hygiene.
Das ist ein Gewinn an Lebensqualität.
Sauberkeit, Würde und der Mut, Gewohnheiten zu ändern
Hinter der Frage nach der Duschhäufigkeit steckt oft etwas Tieferes: das Selbstbild im Alter. Für manche ist die tägliche Dusche ein Symbol von Selbstständigkeit. Andere reduzieren sie aus Erschöpfung oder Angst vor Stürzen – und schämen sich dafür.
Ein angepasster Rhythmus kann Raum für ehrliche Gespräche schaffen:
Wann ist der beste Zeitpunkt? Morgens oder abends?
Stehen oder sitzen?
Mit Musik? Mit einem warmen Handtuch, das sich nach Fürsorge anfühlt statt nach Pflicht?
Routinen, die sich dem Körper anpassen, sind kein Zeichen von Schwäche.
Sie zeigen, dass man hinschaut – und sich selbst ernst nimmt.
Kurz & Klar
| Punkt | Erklärung | Nutzen |
|---|---|---|
| Optimale Häufigkeit | 2–3 Ganzkörperduschen pro Woche + tägliche Teilwäsche | Schützt Haut, spart Kraft, hält frisch |
| Sanfte Technik | Lauwarm, kurz, mild, abtupfen, eincremen | Weniger Juckreiz, Reizungen und Hautschäden |
| Sicherheit & Würde | Hilfsmittel, klare Routine, respektvolle Kommunikation | Mehr Akzeptanz, weniger Stress, geringeres Sturzrisiko |
FAQ
Rieche ich ohne tägliches Duschen?
Nein, wenn die geruchsrelevanten Zonen täglich gewaschen werden. Für die meisten Menschen reicht das völlig aus.
Ist Baden besser als Duschen?
Ein kurzes, lauwarmes Bad kann angenehm sein, birgt aber mehr Sturzrisiken. Viele Fachleute empfehlen Duschen mit Hocker und Haltegriffen.
Meine Haut ist extrem trocken – sollte ich noch seltener duschen?
Möglicherweise ja. Ärztinnen und Ärzte raten dann oft zu weniger Ganzkörperduschen und mehr gezielter Pflege.
Kann ich mein gewohntes Duschgel weiter benutzen?
Man kann – aber viele Duftstoffe reizen alternde Haut. Ein Wechsel zu milden Produkten bringt oft schnelle Erleichterung.
Was tun, wenn jemand Pflegebedürftiges Duschen komplett verweigert?
Klein anfangen, über Komfort sprechen statt Geruch, Optionen anbieten. Bei anhaltender Ablehnung ärztlich abklären – Schmerzen, Depression oder Sturzangst sind häufige Ursachen.