Der erste richtig kalte Morgen entlarvt jedes Jahr dieselben Nachlässigkeiten bei Autofahrern. Raureif auf der Windschutzscheibe, Atemwolken in der Luft, alle tief in ihre Jacken gekauert und in Eile. An der Tankstelle bildet sich eine kleine Schlange an der Luftstation. Ein Mann hält einen Kaffee in der einen Hand und scrollt mit der anderen durch sein Handy, während der Luftschlauch halbherzig am Ventil hängt. Die Frau hinter ihm blickt auf ihr Armaturenbrett: Die Reifendruck-Warnleuchte leuchtet seit drei Tagen. Sie zuckt mit den Schultern. Das Auto fährt doch noch, oder?
Und dann gibt es diesen einen Menschen. Er beugt sich ruhig herunter, schaut auf den Aufkleber in der Tür und tut etwas, was fast niemand sonst macht.
Er pumpt mehr Luft in die Reifen als im Sommer.
Es gibt eine Winterregel für den Reifendruck, die alles verändert. Und die die meisten Fahrer nicht kennen.
Warum der Winter Ihren Reifendruck sofort durcheinanderbringt
Die erste Falle ist unsichtbar: Kalte Luft zieht sich zusammen. Man sieht es nicht. Man wacht einfach eines Dezembermorgens auf – und plötzlich haben die Reifen scheinbar Druck verloren. Auf dem Armaturenbrett leuchtet das kleine orangefarbene Hufeisen auf, und viele ignorieren es bis zum Wochenende. Es fühlt sich an wie eine weitere nervige Begleiterscheinung des Winters.
Doch die Luft im Reifen folgt einfacher Physik. Grob gesagt verliert man etwa 1 PSI pro 10 °F (rund 5–6 °C) Temperaturabfall. Der milde Herbsttag, an dem Sie zuletzt Luft nachgefüllt haben? Vergessen. Sobald die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen, fahren viele mit zu wenig Luft – ohne es zu merken.
Ein Beispiel:
Ihr Fahrzeughandbuch empfiehlt 35 PSI. Sie haben die Reifen an einem angenehmen Tag mit 20 °C korrekt aufgepumpt. Dann kommt der Januar mit morgendlichen −5 °C. Das sind rund 4 PSI Druckverlust allein durch die Kälte. Plötzlich rollen Sie mit etwa 31 PSI auf allen vier Reifen.
Auf trockener, warmer Straße mag das noch verzeihlich sein. Auf einer vereisten Kreuzung zählt jedoch jedes einzelne PSI. Der Bremsweg verlängert sich, die Lenkung wirkt leicht schwammig, und ein Schlagloch unter Schneematsch trifft die Felge härter. Viele verbinden dieses „irgendwie fährt sich das Auto heute komisch“-Gefühl nie mit der Außentemperatur.
Experten werden hier sehr konkret. Sie sprechen von der Aufstandsfläche – also dem Teil des Reifens, der tatsächlich die Straße berührt. Bei zu niedrigem Druck verformt sich diese Fläche. Winterreifen „arbeiten“ mehr, erwärmen sich ungleichmäßig und verlieren genau dann Grip, wenn sie sich in Schnee beißen sollen. Zu weiche Reifen erhöhen den Verbrauch, lassen das Profil schneller verschleißen – und machen selbst teure Winterreifen plötzlich mittelmäßig. Hinter all den Fachbegriffen steckt eine einfache Wahrheit: Der Winter ist nicht nur kalt. Er verändert Ihren Reifendruck über Nacht.
Die Winterregel der Profis (die kaum jemand befolgt)
Fragen Sie einen guten Reifenmonteur oder einen Fahrtrainer, was er beim Saisonwechsel macht. Die Antwort ist fast immer gleich:
Sobald der Winter richtig da ist, bringen sie die Reifen zunächst auf den vom Hersteller empfohlenen Druck – und geben dann einen kleinen Winteraufschlag von 2 bis 3 PSI, gemessen bei kalten Reifen.
Nicht 10 PSI. Nicht „bis sie hart aussehen“. Nur ein kontrollierter kleiner Zuschlag. Diese winzige Anpassung gleicht die Kälte aus, stabilisiert den Druck während der Fahrt und hält die Reifenform näher an dem, was die Ingenieure vorgesehen haben. Es ist eine stille Gewohnheit, die Menschen mit echtem Fahrzeugverständnis von allen anderen unterscheidet.
Ein Mechaniker aus Montreal erzählte, er erkenne allein am Abnutzungsbild eines Winterreifens, ob jemand den ganzen Winter mit Sommerdruck gefahren sei. Die Schultern sind stark abgefahren, die Mitte kaum genutzt, und der Kunde beschwert sich, das Auto habe sich „den ganzen Winter rutschig angefühlt“. Dann misst er den Druck – und findet Werte von 28 oder 29 PSI, wo das Fahrzeug bei Kälte eher Richtung 36 liegen sollte.
Viele kennen diesen Moment: Man glaubt, die Winterreifen seien schlecht, dabei waren sie schlicht zu weich.
Technisch ergibt der Winteraufschlag Sinn. Der Wert auf dem Türaufkleber bezieht sich auf „kalte Reifen“ bei etwa 20 °C. In vielen Regionen wird diese Temperatur monatelang nicht erreicht. Hebt man den Ausgangsdruck bei echter Kälte leicht an, reduziert man die Schwankungen zwischen Stand und Autobahnfahrt. Der Reifen bleibt näher an seiner optimalen Form – mit besserem Bremsverhalten, präziserer Lenkung und gleichmäßigerem Grip auf Schneematsch und Blitzeis.
Seien wir ehrlich: Kaum jemand macht das jeden Tag perfekt. Aber wer diese Regel im Winter befolgt, merkt den Unterschied jedes Mal beim Bremsen auf glatter Straße.
So stellen Sie Ihren Winterreifendruck richtig ein – ohne Grübeln
Die Methode ist unspektakulär, aber effektiv:
Schritt 1: Schauen Sie auf den Aufkleber an der Fahrertür oder am Tankdeckel. Das ist Ihr Referenzwert.
Schritt 2: Wählen Sie einen wirklich kalten Morgen, bevor Sie länger gefahren sind, und nutzen Sie ein ordentliches digitales Manometer. Das Auto sollte eben stehen, Motor aus.
Schritt 3: Pumpen Sie zunächst auf den Herstellerwert auf und geben dann 2–3 PSI extra dazu.
Vorne und hinten bleiben im gleichen Verhältnis wie auf dem Aufkleber angegeben. Wenn hinten weniger vorgesehen ist, bleibt der Unterschied auch im Winter bestehen. Das Ganze dauert vielleicht zehn Minuten – selbst mit kalten Fingern.
Der häufigste Fehler: Man reagiert nur auf die Warnleuchte. Sie geht an, man pumpt „bis sie aus ist“ – und vergisst das Thema wieder. Das wiederholt sich den ganzen Winter. Ein weiterer Irrtum ist der Blick auf die Reifenform. Moderne Reifen sehen selbst mit zu wenig Druck oft noch normal aus.
Das ist kein Vorwurf. Der Alltag ist voll, und Reifendruck ist kein Lieblingsthema. Aber dieses kleine Winterritual ist eine der günstigsten Sicherheitsmaßnahmen überhaupt.
Merkliste für den Winter:
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Kalt messen: Mindestens drei Stunden Standzeit, vor einer längeren Fahrt
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Türaufkleber nutzen: Nicht die Zahl auf der Reifenflanke
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Winteraufschlag: +2–3 PSI bei echter Kälte, sofern das Handbuch nichts anderes sagt
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Monatlich prüfen: Dauert weniger als Scheiben freikratzen
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Warnleuchte ernst nehmen: Wiederholtes Aufleuchten kann auf ein Leck hinweisen
Manche Fahrer speichern sich sogar eine Notiz im Handy:
„Winter: 38 PSI vorne / 36 PSI hinten (kalt)“.
Eine kleine Erinnerung, die an dunklen, eisigen Morgen viel Unsicherheit spart.
Der leise Unterschied auf der Straße
Wer diese Winterregel einmal verinnerlicht hat, spürt es. Beim Bremsen vor einer verschneiten Kreuzung bleibt das Auto stabiler. Auf matschigen Autobahnen zittert das Lenkrad weniger. Dieses schwammige Gefühl an sehr kalten Tagen verschwindet.
Sie sind dadurch nicht unverwundbar. Sie fahren einfach näher an dem Punkt, für den das Auto konstruiert wurde – auch wenn draußen alles gegen Sie arbeitet.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Punkt | Erklärung | Nutzen |
|---|---|---|
| Saisonaler Druckverlust | Ca. 1 PSI pro 10 °F Temperaturabfall | Erklärt Warnleuchten beim ersten Kälteeinbruch |
| Winterregel | Herstellerwert + 2–3 PSI bei Kälte | Besserer Grip, kürzerer Bremsweg, stabilere Lenkung |
| Einfache Routine | Kalte Messung, digitales Messgerät, monatlich prüfen | Günstige Maßnahme für mehr Sicherheit und längere Reifenlebensdauer |
FAQ
Brauche ich im Winter wirklich mehr Reifendruck?
Ja, laut den meisten Experten einen kleinen Zuschlag. Die Kälte senkt den Druck, und 2–3 PSI helfen, die Reifen in ihrer optimalen Form zu halten.
Ist zu hoher Druck im Winter gefährlich?
Ja, wenn man deutlich übertreibt. Bleiben Sie beim Türwert plus moderatem Winteraufschlag.
Müssen Vorder- und Hinterreifen gleich aufgepumpt sein?
Nein. Folgen Sie den Angaben des Herstellers und übernehmen Sie diese Differenz auch im Winter.
Wie oft sollte ich im Winter kontrollieren?
Einmal im Monat ist ideal – zusätzlich nach starken Temperaturstürzen oder bei Warnmeldungen.
Gilt das auch für Ganzjahresreifen?
Ja. Kälte wirkt auf jede eingeschlossene Luft gleich – unabhängig vom Reifentyp.