Der schwarze „Kaugummi“, der in neolithischen Dörfern auftauchte, verbarg etwas Unerwartetes – und Wissenschaftler konnten es nun endlich entschlüsseln.

Was wäre, wenn das beste Protokoll deiner täglichen Gewohnheiten in etwas stecken würde, das aussieht wie ein alter Kaugummikloß?
Für die ersten Bauern Europas kam genau dieses „Gedächtnis“ von Birken.

Eine neue wissenschaftliche Studie zu winzigen Klumpen aus Birkenpech aus jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlungen rund um die Alpen zeigt, was Menschen vor etwa 6.000 Jahren aßen, wie sie ihre Werkzeuge reparierten und sogar, wie sie gesprungene Keramik pflegten. Mithilfe chemischer Analysen und der Untersuchung alter DNA verwandelten Forschende diese schwarzen Brocken in erstaunlich detailreiche Momentaufnahmen des Alltags.

Eine klebrige Zeitkapsel in den Alpenfeuchtgebieten

Archäologinnen und Archäologen untersuchten 30 Stücke Birkenrindenteer aus neun neolithischen Fundstellen im Alpenraum. Einige lagen lose im Boden, andere hafteten an zerbrochenen Tongefäßen oder an Feuersteinklingen – genau dort, wo einst Holzgriffe auf Stein trafen. Chemische „Fingerabdrücke“ bestätigten, dass alle Proben aus Birkenrinde hergestellt worden waren, die unter Sauerstoffmangel erhitzt wurde. Dieses Verfahren erzeugt eines der ältesten synthetischen Materialien der Menschheitsgeschichte.

Im Inneren des Pechs verbarg sich ein unerwarteter Schatz: alte DNA von Menschen, Pflanzen und Mikroorganismen, die über Jahrtausende eingeschlossen und geschützt war. In den wasserreichen Seesiedlungen zersetzen sich Knochen oft vollständig, doch das wasserabweisende, stabile Birkenpech bewahrte biomolekulare Spuren, die sonst verloren gegangen wären. Jeder gekaute Klumpen wurde so zu einem persönlichen Archiv aus einer längst verschwundenen Welt.

Gekautes Birkenpech und die Ernährung der Jungsteinzeit

Mehrere Proben zeigten deutliche Zahnabdrücke sowie menschliche DNA von Frauen und Männern – zusammen mit Mundbakterien, wie sie im menschlichen Speichel vorkommen. Das zeigt eindeutig: Die Menschen haben das Pech nicht nur benutzt, sondern gekaut.

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Die eingeschlossene Pflanzen-DNA verriet, was kurz zuvor gegessen worden war. Spuren von Gerste, Weizen, Erbsen, Haselnuss und Buche deuten auf eine gemischte Ernährung hin, die frühe Landwirtschaft mit Waldressourcen verband. In einigen Proben fanden die Forschenden außerdem Harz von Nadelbäumen, vermutlich beigemischt, um die Klebeeigenschaften oder die Konsistenz des Materials zu verändern.

Warum wurde das Pech gekaut? Wahrscheinlich, um es vor der Verwendung als Klebstoff weicher zu machen. Möglich sind aber auch hygienische oder medizinische Gründe, da Birkenpech Stoffe mit antibakterieller Wirkung enthält.

Ein einziger Klumpen erzählt so eine erstaunlich intime Geschichte: Jemand isst Getreidebrei mit Erbsen, knackt eine Haselnuss – und steckt anschließend ein Stück Birkenpech in den Mund. Landwirtschaft und Wald, Alltag und Chemie, alles vereint in einem Moment.

Kleben, Reparieren und frühe Nachhaltigkeit

Die Studie zeigt auch, wie zentral dieses natürliche Material für die Technik der Jungsteinzeit war. Auf Keramikgefäßen wurde Birkenpech in Risse und Bruchstellen gestrichen, um beschädigte Töpfe weiter nutzbar zu machen – zum Kochen oder Lagern. Chemische Spuren belegen, dass einige dieser Reparaturen später mehrfach erhitzt wurden. Die geflickten Gefäße blieben also lange im Einsatz.

An Feuersteinklingen fand sich das Pech genau an der Stelle, an der Holzgriff und Steinklinge zusammenkamen. Das bestätigt seine Rolle als starker Haftkleber, der Werkzeuge im täglichen Einsatz zusammenhielt. Statt kaputte Töpfe wegzuwerfen oder lockere Klingen zu ersetzen, griffen neolithische Familien zu einem nachwachsenden Rohstoff aus dem Wald und schenkten ihren Gegenständen ein zweites Leben.

Es ist eine Reparaturkultur, die heute oft als Zukunftsvision beschworen wird – hier praktiziert mit Rauch, Rinde und Geduld.

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Lehren aus einem uralten biobasierten Material

Neben den lebendigen Alltagsgeschichten wirft die Forschung zwei hochaktuelle Fragen auf. Erstens: Birkenpech wirkt wie ein natürlicher DNA-Safe. In empfindlichen Feuchtgebieten, wo Skelette zerfallen, können solche organischen Rückstände Informationen zu Identität, Ernährung und Gesundheit bewahren. Das eröffnet neue Möglichkeiten für die Untersuchung anderer urzeitlicher Klebstoffe, Harze und Kau-Materialien, besonders an gefährdeten Fundstellen.

Zweitens erinnert die Studie daran, dass hoch entwickelte biobasierte Materialien keine moderne Erfindung sind. Menschen der Jungsteinzeit verwandelten Rinde lokaler Birken in einen wasserfesten, antibakteriellen Kleb- und Dichtstoff – mithilfe kontrollierter Hitze und wenig Sauerstoff.

Sie nutzten Wälder, Seen und Felder statt fossiler Rohstoffe und Industriechemie. Ihre Technik war kleinräumig, aber sie zeigt, wie eng menschliche Kreativität schon immer mit den umliegenden Ökosystemen verbunden war.

Für alle, die sich heute über Umweltverschmutzung durch synthetische Klebstoffe oder die Wegwerfmentalität sorgen, liegt in diesen schwarzen Klumpen eine stille Botschaft. Vor 6.000 Jahren kochten, reparierten und bauten Europas erste Bauern bereits mit einem Material, das im Wald nachwuchs.
Die moderne Wissenschaft beginnt erst jetzt, die Geschichte zu lesen, die darin eingeschlossen war.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht.

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