Eine scheinbar routinemäßige Beobachtung nahe einer Polizeizentrale in Brasilien hat sich zu einem dieser Naturmomente entwickelt, die fast unwirklich wirken. Tausende winzige, orange-schwarz gefärbte Welse sammelten sich am Fuß eines Wasserfalls – und begannen dann, sich Zentimeter für Zentimeter über nasse Felsen nach oben zu bewegen, sogar entlang steiler, nahezu senkrechter Flächen.
Forschende sprechen von der ersten dokumentierten Beobachtung, bei der diese Hummelwels-Art ein derart großes Gruppenverhalten zeigt und eindeutig einen Wasserfall erklimmt. Die Videoaufnahmen sind spektakulär – doch die eigentliche Bedeutung liegt in dem, was sie über einen Fisch verraten, den Wissenschaftler sonst kaum in Aktion erleben.
Ein Polizeibericht führt zu einer wissenschaftlichen Premiere
Entdeckt wurde das Phänomen von der Umwelt-Militärpolizei Brasiliens im Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Die Beamten meldeten den ungewöhnlichen Anblick, nachdem sie gesehen hatten, dass der Fluss regelrecht „vollgestopft“ mit kleinen Fischen war, die sich flussaufwärts bewegten. Laut Studienbericht fand die Beobachtung im November 2024 statt – genau zu Beginn der Regenzeit. Etwa eine Woche später traf ein Forschungsteam vor Ort ein, um das Geschehen zu dokumentieren.
Am Aquidauana-Fluss angekommen, sahen die Forschenden Tausende Hummelwelse, die sich dicht gedrängt an den Rändern eines Wasserfalls sammelten und langsam stromaufwärts arbeiteten. Rund 20 Stunden lang wurde das Geschehen beobachtet. Dabei kletterten die Fische in mehreren Schichten übereinander, rutschten teilweise über Artgenossen hinweg – wie ein lebendiger Stau auf einer glitschigen Auffahrt.
Geleitet wurde die Studie von Manoela Marinho, gemeinsam mit Eris de Paula, Francisco Severo-Neto, Yasmim Santos und Heriberto Gimênes-Junior, in Zusammenarbeit mit der Universidade Federal de Mato Grosso do Sul und dem Bioparque Pantanal.
Wie ein kleiner Wels nassen Fels erklimmt
Bei den beobachteten Tieren handelt es sich um eine kleine Süßwasserfischart namens Rhyacoglanis paranensis. Diese Gruppe von Welsen gilt unter Forschenden als relativ selten und im Alltagsverhalten nahezu unbekannt – vor allem, weil sie in schnell fließenden Gewässern lebt, in denen kurze, entscheidende Ereignisse leicht übersehen werden.
Doch wie schaffen es diese Fische, einen Wasserfall zu erklimmen? Die Beobachtungen zeigen, dass sie ihre Flossen ausbreiten und sich mit seitlichen Körper- und Schwanzbewegungen nach vorne drücken, besonders in der Dämmerung. Zusätzlich vermuten die Wissenschaftler, dass die Tiere eine saugartige Haftung auf flacheren Felsflächen nutzen, um sich gegen die Strömung festzuhalten.
Zwar sind „kletternde“ Fische in der Biologie nicht völlig unbekannt – Studien aus den Anden haben ähnliche Anpassungen beschrieben –, doch ein solches Verhalten in einer so großen, koordinierten Gruppe ist äußerst ungewöhnlich.
Warum die Fische stromaufwärts zogen
Die Studie nennt keinen endgültig bewiesenen Grund für das Klettern, doch die überzeugendste Erklärung ist eine Laichwanderung. Das bedeutet: Die Fische waren wahrscheinlich auf dem Weg zu ihren Fortpflanzungsgebieten, abgestimmt auf Umweltbedingungen, die den Nachwuchs begünstigen.
Die Untersuchung einiger weniger Exemplare sowie der Zeitpunkt des Ereignisses deuten darauf hin, dass die Tiere während des Aufstiegs nicht aktiv fraßen. Dieses Verhalten ist typisch für Wanderungen, bei denen Energie bewusst in die Fortbewegung investiert wird.
Ein weiterer wichtiger Kontext: Die Region hatte zuvor eine lange, schwere Dürre erlebt. Der Beginn der Regenzeit könnte wie ein natürlicher Startschuss gewirkt haben. Solche Umweltimpulse können verborgenes Verhalten plötzlich sichtbar machen – für kurze Zeit und nur unter genau den richtigen Bedingungen.
Warum diese seltenen Aufnahmen für Flüsse wichtig sind
Wenn von Fischwanderungen die Rede ist, stehen meist große, wirtschaftlich bedeutende Arten im Fokus. Dieses Ereignis erinnert daran, dass kleine Fische einen Großteil der Süßwasser-Biodiversität Südamerikas ausmachen, ihre Bewegungen aber oft kaum dokumentiert sind, weil sie schnell und unter speziellen Umständen stattfinden.
Diese Wissenslücke ist problematisch, wenn sich Flüsse verändern. Die Autorinnen und Autoren der Studie weisen auf die Risiken von Lebensraumfragmentierung und Flussverbauungen hin. Staudämme und Eingriffe können genau jene schnell fließenden Abschnitte unterbrechen, auf die solche Arten angewiesen sind – und damit Wanderungen erschweren oder unmöglich machen.
Ein offizielles Informationsportal der Umweltpolizei des Bundesstaates ist über die öffentliche Sicherheitsplattform von Mato Grosso do Sul (PMA) zugänglich.
Und dann bleibt noch eine einfache Erkenntnis, die jeder kennt, der schon einmal nach starkem Regen an einem Bach stand: Kleine Gewässer wirken oft unscheinbar – bis sie plötzlich zur Bühne für etwas Wesentliches werden. Blinzelt man, ist es vorbei.
Die vollständige Studie wurde im Journal of Fish Biology veröffentlicht.